Manchmal hab ich mein Gesicht vergessen und es scheint unauffindbar, dann fühle ich mich wie ein Tourist im eigenen Körper.
Der Himmel war blau und wolkenlos, von malerischer Einfalt. Fast so, als habe jemand gedankenlos einen Batzen Farbe auf eine Leinwand geworfen und keine Zeit mehr gefunden diese weiter zu bearbeiten, um sein Kunstwerk zu vollenden.
Vereinzelte Vögel, die gegen die Unendlichkeit des Himmels flogen, durchkreuzten mein Sichtfeld. Sie flogen alleine, jeder in seine Richtung. Es schien mir als wären sie eine Weile gemeinsam gereist und nun, genau vor meinem Auge, hatten sie beschlossen alleine weiterzufliegen und verabschiedeten sich. Umkreisten sich ein letztes Mal, um dann voneinander fortzutreiben. Genau so wie ich, der sich nun verabschiedete, von irgendwas, irgendwem, irgendeinem Leben, welches genug gelebt worden war und das ich nun hinter mir lassen musste. Etwas gewaltsam fühlte ich mich dem entrissen, was ich bis eben noch als meine Realität anerkannt hatte. Ähnlich einer Pflanze, die man aus ihrem gewohnten Boden reißt, um sie dann an einen anderen, unbekannten Ort wieder einzupflanzen. Vielleicht wächst sie dort besser, oder schneller, oder farbenprächtiger? Vielleicht aber auch nicht.
Ruckend setzten sich die Räder des Zuges in Bewegung. Langsam rollte er, unter lautem quietschen, aus dem Bahnhof und ich erinnerte mich an eine Filmszene, in der ein Mann im Zug saß und von einem, mit einem weißen Taschentuch winkenden Mädchen, unter Tränen verabschiedet wurde. Mit den Augen begann ich den, langsam vorbei ziehenden Bahnsteig nach solch einem Mädchen abzusuchen. Doch der Bahnsteig war leer. Wie ausgestorben. Die graue Silhouette wurde nun von Wiesen abgelöst. Der Zug schien in Fahrt zu kommen. Wie ein müdes, schläfriges Tier, was man aus seinem Winterschlaf geweckt hatte und das nun Freude an seinem neu entdecken Tatendrang gefunden hatte. Wir fuhren direkt in den Frühling hinein.
Ich lehnte mich in die regenpfützengrauen Polster meines Sitzes zurück und betrachtete das anbrechende Farbenspiel der vorüber ziehenden Landschaft. Das Abteil war etwas überheizt und muffig. Doch aus den Lüftungsschlitzen unter dem Abteilfenster strömte ein kühler Luftzug. Der Deckel des kleinen, metallenen Mülleimers, welcher unterhalb der Lüftung an der Wand angebracht war, schepperte im Rhythmus des Zuges leise. Mir fielen die kleinen Messingschilder, in welche die Platznummer eingekerbt waren, über den Kopfpolster der gegenüberliegenden Sitze ins Auge, auf deren polierten Oberfläche sich das noch fahle Sonnenlicht brach und in kleinen, matten Kreisen auf dem grünlichen Teppichboden, mit dem das Abteil ausgeschlagen war, liegen blieb. Ich starrte in die Kreise, die mich an Lichtseen denken ließen und begann mit dem Finger gedankenverloren das Muster der Sitzbezüge nachzuzeichnen.
Wo war ich bloß? In mir spürte ich bedinglose Leere. Es war keine Einsamkeit, oder das Gefühl verlassen worden zu sein. Wie ich es Kind verspürt hatte, wenn eine Mutter mich keines Blickes mehr würdigte, weil ich etwas angestellt hatte, was ihr missfiel. Eher war es ein Gefühl von trostlosem Nichts, das mich durchdrang. Und das in seiner unerbittlichen Nichtigkeit in mir ein Stillstand, ein zurückdrehen der Uhren, eine absolute Schwärze hervorrief, in der ich zu ertrinken drohte. Ja, es war als ob ich stillstand und dabei fortgerissen wurde vom immer schnelleren Zug, der mich umgabt. Auf dem Gang war es laut geworden. Scheppernd hielt der Essenswagen vor meinem Abteil. Die Abteiltür wurde aufgerissen, wodurch das zuvor noch gedämpfte Rattern und Quietschen des Zuges mit aller Macht eindrang und das Abteil Rand voll Lärm füllte, so dass es sich in einen tosenden Maschinenraum zu verwandeln drohte.
Ein geröteter Kopf, der von einzelnen verschwitzten Haarsträhnen umrahmt wurde, die aschblond auf Stirn und Wangen klebten, wurde zur Tür hinein geschoben und die etwas hervortretenden Augen begannen mich erschöpft zu mustern. „Darf es etwas zu trinken oder zu essen sein?“, rief mir die Stimme gegen den anschwellenden Zuglärm entgegen. Der fahle und leicht zerknitterte Mund, der mich an überreife Zwetschgen denken ließ, wartete auf eine Antwort. „Ein Glas Wasser wäre gut“, beeilte ich mich zu sagen, denn der Mund begann gereizt zu zucken, als fiele ihm das Warten all zu schwer. Die Bahnangestellte, die dem Servicebereich angehörte, zog den Kopf zurück und begann in ihrem Wagen nach dem georderten Wasser zu kramen. Zisch. Sie hatte die eisgekühlte Flasche entkront, an deren glatten, leicht beschlagenen Körper kleine Wasserperlen hinabtauten. Sie warf den Kronkorken in einen dafür vorgesehenen Behälter. Klackernd blieb er in dessen Tiefe liegen. Mit gekonntem Griff zog sie eine seitliche Schublade des silbrig glänzenden Wagens auf und holte einen weißen Plastikbecher heraus, den sie nun sprudelnd mit Wasser füllte. Die leere Flasche wurde verstaut und die Schublade mit einem Stoß der rundlichen Hüfte zugeschoben. Mit dem Wasser in der Hand trat sie nun zu mir ins Abteil, wobei mir ein kleiner, bräunlicher Fleck auf ihrer sonst strahlend weißen Bluse, ins Auge fiel, die Wäschestärke roch und unter der sich ihr Busen wölbte. Ich nahm den Becher, der sich unter dem Druck ihrer wurstigen Finger etwas dellte, entgegen und nickte ihr freundlich zu. Zog den Klapptisch aus der Armlehne des Sitzes, stellte den Becher ab und begann etwas umständlich in meinen Hosentaschen nach Geld zu suchen. Wurde fündig, drückte ihr einen Schein in die Hand, worauf sie mir das Wechselgeld aus ihrem großem, ledernen Portemonnaie mit der Silberschnalle herausgab, um sich dann auf dem Absatz umzudrehen. Dabei konnte ich förmlich die Enge des dunkelblauen, knielangen Rockes sehen, der ihr nur kleine Schritte erlaubte und der langsam auf ihrer Nylonstrumpfhose hinaufwanderte, so dass sie gezwungen war, ihm Einhalt zu gebieten und ihn etwas grob zurecht zog. Die Abteiltür schloss sich hinter ihr und das monotone Rattern wurde wieder auf ein erträgliches Nebengeräusch reduziert.
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